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Eine Brille und ihr Schicksal
Von Max Großert

Ich liege hier auf dem Schreibtisch eines Lehrers auf der Lüneburger Geest und musste 1000 Kilometer hierher wandern. Wie bei den meisten meiner Schwestern stand meine Wiege in Rathenow. Von hier aus kam ich Anfang der dreißiger Jahre für viel, viel- Zoll nach Bromberg zu einem Optiker und wartete auf meinen Einsatz. Wie vorauszusehen, erwarb mich ein geistiger Arbeiter, ein Lehrer, aber ich ahnte kaum, wie vielfältig, in freudiger aber auch leidvoller Hinsicht sich meine Zukunft gestalten würde. Stolz saß ich auf seiner Nase und kam an seine Wirkungsstätte. Wie freute ich mich auf dem Wege dorthin an den wogenden Kornfeldern und an den blühenden Wiesen. Ich nahm regen Anteil an der Arbeit meines Trägers in der Klasse. War freudig gestimmt, wenn die Kinder gut antworteten, traurig, ja manchmal sogar ärgerlich, wenn die Antworten zu dumm ausfielen. Besonderes Vergnügen bereitete mir stets der herrliche Schulgarten mit seiner bunten Blumenpracht und dem Wasserbecken mit seinen weißen Teichrosen. So wechselten die Jahreszeiten, so verging Jahr für Jahr, bis eines Winters mein Los sich ändern sollte.

In einer kalten Dezembernacht wurde nämlich die Wohnung meines Eigentümers von Spitzbuben heimgesucht. Was nicht niet- und nagelfest war, nahmen sie mit. Auch ich musste gewaltsam meinen Besitzer wechseln und geriet ungewollt, in ein zweifelhaftes Abenteuer. Widerwillig saß ich auf der Nase des Verbrechers, der sich einen Anzug meines bisherigen Besitzers angezogen hatte und mit dessen Ausweispapieren in der Welt umherreiste. Immer, wenn Polizei im Anzuge war, setzte er mich auf. Aber ich ärgerte ihn dann, denn ich war sehr stark, so dass sich der Lump immer an den Kopf fasste, weil ich ihm zu viel Kopfschmerzen bereitete. Mein voriger Eigentümer hatte nun für die Ergreifung der Einbrecher eine. Belohnung ausgesetzt und siehe da, mit Erfolg. Nach kaum vier Wochen konnte mich mein Lehrer wieder in Empfang nehmen. Die beiden Übeltäter, davon ein internationaler, bekamen aber beide je 18 Monate Gefängnis.

Nun folgte wieder eine fried- und freudvolle Zeit, bis die schicksalsreichen Septembertage 1939 herannahten. Nach mehrfachen Drangsalierungen wurde mein Träger ausgewiesen und sollte ins Konzentrationslager Bereza Kartuska, was er aber nicht tat, sondern sein Nachbar, ein alter Spähtruppführer aus dem Weltkriege, der leider 1945 auf der Flucht umgekommen sein soll, brachte ihn in den Wald. Er nahm mich mit, aber nur in der Rocktasche, denn er musste, wenigstens nach außen hin, vor den Spähern und Häschern seinen Beruf verbergen. Da die Polen schon Schutz versprachen, kehrte der Ausgewiesene nach zwei Tagen und Nächten qualvoller Unsicherheit und Ungewissheit heim. Zu Hause wurden noch einmal alle Männer für eine Nacht im Tempel des kleinen Städtchens Tremessen in Gewahrsam genommen, wo auch ich das Los des Gepeinigten teilte. Nun kam der 10.September, der Tag der Befreiung. Wie freute ich mich mit allen Lieben, die nach Jahren schwerster Entbehrung und mancherlei Unterdrückung die langersehnte Befreiungsstunde mit Tränen in den Augen erleben durften. Die Freude war für meine Lieben aber nur kurz. Als Wegekundiger musste er zwei Soldaten den Weg in das schon befreit gedachte Städtchen zeigen. Kurz vor dem Ziel wurde das Auto von Heckenschützen überfallen. Die beiden Soldaten verteidigten sich bis zuletzt, wurden dann aber furchtbar zugerichtet. Während mein unbewaffneter Besitzer im Auto unheimliche Augenblicke erlebte. Ein Schrotkorn verletzte ihn unterhalb des rechten Auges. Hilfe holend wurde er von zwei bewaffneten und einem unbewaffneten Partisanen auf Fahrrädern nach etwa 5 km Lauf eingeholt und auf einer kleinen Wiese zum Hinlegen aufgefordert. Hingehockt, die Arme vor den Augen, schossen die Unholde aus kürzester Entfernung auf den Wehrlosen. Sein ganzer Körper, wie auch die Arme, waren von Schrotkörnern wie besät. Nun schütze ich mit meinen dicken Gläsern die Augen des Misshandelten, die auch glücklicherweise unbeschädigt blieben. Als aber einer der Rohlinge mit dem Kolben auf den Kopf des Gequälten schlug, war meine Kunst leider zu Ende und ich Ӿog im hohen Bogen ins Gras. Ich sah nur noch und schauderte bei dem Anblick, wie einer der Verfolger sein Taschenmesser zog, es öffnete und auf den Gefolterten zuging, ihn wohl aber schon für tot hielt und von der grausigen Tat Abstand nahm. Wie jammerte mich da der schmerzhaften Wunden des Zugerichteten! Die Unmenschen ließen nun aber ab von dem Totgeglaubten und entfernten sich. Nur der eisernen Natur des-Überfallenen war es zu verdanken, dass er die Besinnung behielt. Er rettete sich auf die nahe Kreisstraße, wo gerade unsere Truppe im Begriff war, das Städtchen einzunehmen. Ein Wehrmachtsauto brachte ihn ins Heimatdorf. Erst am nächsten Tag suchten seine Freunde die grausige Stelle ab und fanden mich. Wie freute ich mich wieder über mein Dasein, aber wie traurig war ich auch gleichzeitig, meinen Schützling auf dem Schmerzenslager zu erblicken. Mit größter Anteilnahme teilte ich sein Mißgeschick.

Da er im Wongrowitzer Krankenhaus nicht bleiben konnte, brachte man den Schwerverletzten nach Schneidemühl, wo er über sieben Monate verblieb. Was musste der Ärmste hier aushalten! Er war meistens mehr tot als lebendig. Der schlimmste Tag war jedoch der 9. Januar 1940, wo ihm der linke Arm abgenommen wurde. Damit und durch die umsichtige Pflege seine Mutter trat auch schlagartig baldige Besserung ein. Am 15. Mai konnte er schon wieder unterrichten, und ich freute mich mit ihm. Das tägliche Einerlei wurde durch ein besonderes Erlebnis abgelöst. Im Kreise vieler Freunde und Bekannter wurde mein treuer Begleiter als Zivilist durch die Verleihung des E.K.II und des Verwundetenabzeichens in Silber geehrt, denn durch seinen Einsatz konnte ein höherer Verlust bei der Einnahme des Städtchens vermieden werden.

Nun folgten vier Kriegsjahre mit ihren üblichen-Begleiterscheinungen, bis der 20. Januar 1945 die großen Trecks ins Ungewisse nach dem Westen schickte. Welch namenloses Elend sah ich da bei eisiger Kälte auf den verschneiten Straßen! Es ist einfach unbeschreibbar, was Vertriebene in jenen Tagen erlitten!

Wir kamen in die Ostprignitz und warteten der Dinge, die dort unserer harrten. Sie kamen auch, aber in Gestalt der Rotarmisten mit den bekannten Umgangsformen. Mit gebrochenem Herzen erlebten wir hier in aller Schwere den Zusammenbruch unseres Vaterlandes. Ich musste wieder in die Tasche meines Besitzers verschwinden, damit er nicht als Geistesarbeiter auffiele.

Nachdem sich die Lage einigermaßen beruhigt hatte, wagte sich mein Freund aus dem Hause. Um die schmale Kost damit zu bereichern, suchte er Champignons, pflückte Brombeeren oder angelte an dem nahen Königsfluß. Boshafte Zungen nannten dieses Flüsschen auch Knatter, und wenn man die Kyritzer ärgern wollte, brauchte man nur „Kyritz an der Knatter“ zu erwähnen. -

Einmal angelte mein Freund wieder. Um nicht seine Augen. zu überanstrengen, wagte er in dieser an und für sich sicheren Einsamkeit, mich wieder aufzusetzen. Ich jauchzte förmlich, als ich nach so langer Zeit wieder ins Freie blicken konnte. Aber bald kam das Unheil. Auf der anderen Seite des Flüsschens ertönten Pfiffe und siehe da, wie aus der Erde gestampft, standen da plötzlich in voller Wirklichkeit zwei Russen. Mein Schützling mußte den beiden über einen schmalen Baumstamm über das Wasser helfen. Da das meinem Einarmigen nicht so schnell gelang, erfolgte erst mal eine Flut der übelsten Schimpfwörter. Dann sah ich zitternd, wie der Russe an meinen Angler herantrat, mich abnahm, in sein Notizbuch schaute und dann sagte: „Ich sich nicht chab okulary, du brauchst auch nicht, dawaj, dawaj“, und . damit verschwand ich in seiner Hosentasche. Die Rotarmisten fuhren auf Rädern davon. Meinem Freunde verging das Angeln, und missgestimmt ging er nach Hause. Auch hier waren inzwischen die beiden Iwans angelangt und wollten Eier kaufen. Ich glaube, ich muß im Dunkel meiner unangenehmen Umgebung so laut geschluchzt haben, dass mein Treuer an den Russen herantrat und um mich bat: „Kamerad, dawaj, ist niks Gold, dawaj, sonst du nicht kriegen Eier!“ Der Iwan zog mich aus seinem Hosenversteck und, betrachtete mich andachtsvoll. Dabei entriss mich mein Lieber und verschwand. Die Russen bekamen für 2 RM ein Ei ihren Wunsch erfüllt, beruhigten sich, und ich war wieder einmal gerettet. Die Lage wurde nun für meinen Begleiter immer unerträglicher und gefährlicher, und eines Tages ging es über die Altmark und das bekannte Lager Friedland nach Westdeutschland.

Ich sah dann die Eigentümlichkeiten der Elbmarsch, die Schönheiten der Heide und freute mich an dem vielseitigen Landschaftsbild der Geest. Auch hier ereilte mich noch einmal ein herber Schicksalsschlag, der allerdings glücklicher verlief als die anderen. Als mein treuer Träger abends von einer Veranstaltung ins Freie trat, erhielt er von einem Unbekannten versehentlich einen Schlag ins Gesicht, so dass ich zur Erde fiel. Trotz der Dunkelheit erwischte mich noch mein Lieber, aber oh weh, ein Glas fehlte. Glück muss man haben, und so fand man am nächsten Morgen das Glas, es wurde sachgemäß eingesetzt, und ich war wieder einsatzbereit.

Die wechselvollen Erlebnisse: dreimal Gefangenschaft, dreimal Befreiung, einmal Verwundung und Genesung, waren für mich Strapazen, die nicht spurlos an mir vorübergingen. Ich hinterließ auf dem Gesicht meines Unvergesslichen deutliche Spuren in Form von Grünspan, rutschte auch und wirkte schon recht altmodisch. Ich musste schon meiner neuen Schwester Platz machen und wünschte ihr Treue und Anhänglichkeit, und dass mein Lieber durch die neuen Gläser das Leben recht oft in rosa Farben betrachten möge. Ich habe nun auf dem Schreibtisch des Schulmeisters einen Ehrenplatz. Ich sehe zu, wie er Hefte nachsieht, freue mich, wenn er eine 1, bin traurig wenn er eine 5 unter die Arbeiten schreiben muss. Manchmal setzt er mich noch auf, schaut durchs Fenster in Richtung, wo sich die Sonne wie eine glühende Kugel vom Horizont erhebt und den blauen Himmel purpurrot färbt und sehnsuchtsvoll verlieren sich dann seine Gedanken in der heimatlichen Ferne.

Kannst du das verstehen, lieber Leser?

 

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